Incedibile -Unglaublich

Samstag im Münchner Stadtmuseum – und das auch noch bei freiem Eintritt.

„Incredibile – Unglaublich“ ist die Begleitausstellung zum diesjährigen Fotodoks-Festival (das vom 12.-16. Oktober stattgefunden hat). Der italienisch-deutsche Titel verweist auf das diesjährige Gastland des Festivals Italien.

Im offiziellen Text zur Ausstellung heißt es: Die präsentierten Arbeiten bewegen sich zwischen Sozialreportage, Fotojournalismus und Medienreflexion, zwischen entfernten Krisenregionen und der unmittelbaren Umgebung. Sie beleuchten das Zeitgeschehen, wie auch den alltäglichen Wahnsinn – und ermöglichen so einen Blick auf die Dokumentarfotografie im Spannungsverhältnis von Glaubwürdigkeit und Sensation.

Ich habe den Fehler gemacht, beim Betreten der Ausstellung das Informationsblatt zu übersehen, das unscheinbar neben der Tür auflag (das zeitgleich aber wohl einige andere Besucher ebenfalls übersehen hatten). So fand man an den Wänden praktisch überhaupt keine Info zum jeweiligen Projekt. Grundsätzlich ist es natürlich auch interessant, den Bildern auf diese Weise ohne „Vorinformation“ zu begegnen (ok. einige Bildstrecken kannte ich schon…). Vieles erschließt sich aber halt doch erst nach einer gewissen Zusatzinformation. Im wahrsten Sinne des Wortes incredibile ist das Engagement, das die Bildautoren ihren Themen entgegenbringen. Als Betrachter gewinnt man allerdings auch einen sehr speziellen Eindruck welche Themen als Ausstellungsrelevant angesehen werden: Da dreht es sich doch ganz überwiegend um vom Krieg gezeichnete Menschen und Orte, Verbrechen, Naturkatastrophen und soziale Problemsituationen. Wie gesagt, die fotografische Aufarbeitung der Themen ist häufig beeindruckend (Kai Wiedenhöfers sensible Großportraits von Kriegsopfern, Alberto Dede’s Bildvergleich von L’Aquila in dem er Bilder aus Google-Streetview seinen heutigen Bildern entgegensetzt). Dennoch gibt es neben diesen Themen vielleicht doch auch noch anderes auf dieser Welt, was dokumentierenswert ist. Und so ist auch mein Favorit dieser Ausstellung die Serie von Maurizio Cogliandro, der uns in extrem zurückhaltenden, reduzierten Bildern das Leben in einem Zisterzienserkloster in den italienischen Alpen nahebringt.

Ein ganz eigenes Kapitel ist der zur Ausstellung erschienene Katalog: Der ist nun wirklich „unglaublich“:

Der schmale Textteil (dt./ital.) ist als Extraheft fein säuberlich von den Bildern getrennt.

Im „Bildkatalog“ sind die Werke der Ausstellung dann ohne jede sinnvolle Reihung wild durcheinander und natürlich auch ohne Autorennennung „eingefüllt“. Als Klammer zu Beginn und Ende dient jeweils eine Doppelseite auf der in Blocklettern „Bunga“ steht. Bilder von Krieg und Opfern der Camorra zwischen Bunga-Bunga einzurahmen ist nicht originell sondern einfach nur geschmacklos. Aber die Katalogmacher haben dafür jede Seite vorperforiert, damit man die Bilder leicht aus dieser misslichen Lage befreien kann.  Man kann dann die Bilder heraustrennen und wieder zu ihren ursprünglichen Serien zusammensetzen (sofern man 2 Kataloge gekauft hat…). Manchmal muss man halt zwanghaft originell sein. Incredibile.

Vivian Meier – Amerikahaus

Noch bis 9. Dezember ist im Münchner Amerikahaus die erste Ausstellung mit Bildern von Vivian Maier zu sehen. Gezeigt werden 48 Bilder überwiegend aus den fünfziger und sechziger Jahren.

Die Entdeckung von 100.000 Negativen der Fotografin bei einer Zwangsversteigerung 2007 war eine der großen Sensationen der dokumentarischen Fotografie der letzten Jahrzehnte (siehe z.B. www.vivianmaier.com ). Sie gilt seither als eine der wichtigsten Street-Fotografinnen der USA.

Die Ausstellung im Amerikahaus beginnt mit einem Selbstportrait in New York vom 18. Oktober 1953 (http://www.vivianmaier.com/portfolios/self-portraits/?show=thumbnails&pid=259). Ein starkes Bild mit einer dramatischen Lichtführung, das eine hochkonzentrierte junge Frau zeigt, die sich im Schatten verbirgt.

Die folgenden Bilder sind eine Tour d’horizon durch die Bilderwelt der Fotografin – überwiegend Aufnahmen aus Chicago und New York, aber auch einzelne Bilder von ihren Reisen.

Den Abschluss bilden einige virtuose Farbaufnahmen aus den siebziger Jahren.

Ich fand es äußerst interessant nun selbst einen unmittelbaren Blick auf eine – wenn auch kleine –  Auswahl der Bilder Vivian Maiers zu werfen. Hatte man doch bei den vielen Medienberichten oftmals stark den Eindruck, dass hier die Sensation der Entdeckungsgeschichte beinahe wichtiger war als die Bilder selbst.

Und – mein persönlicher Eindruck: die Bilder haben wirklich Kraft, manche gehen direkt ins Herz. Auch wenn einen sicherlich nicht alle Bilder gleichermaßen  berühren (meine persönlichen Favoriten: ). Man sieht, hier ist eine Könnerin am Werk (und zwar nicht nur in Schwarz-Weiß), was aber noch viel wichtiger ist, hier fotografiert jemand mit einer Lust am schauen und tiefen Zuneigung zur Welt. Egal ob Reiche oder Arme auf ihren Bildern zu sehen sind: immer sind die Aufnahmen „auf dem Punkt“, aber nie wird jemand lächerlich gemacht oder bloßgestellt. Man verlässt die Ausstellung mit einer guten Grundstimmung – und das ist heute schon viel.

Ach ja – einen Wermutstropfen gibt es doch: man würde so gerne das Buch über Vivian Maier mitnehmen – wenn es denn schon erschienen wäre…

Nachtrag April 2015: Einen schönen Überblick über die Arbeiten von Vivian Maier findet man auch auf Artsy.net

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